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Samstag, 1. November 2025

Anno Domini 1775 - Wie das Salz getragen wurde P 3

 Am Morgen fand sich die Gemeinde ein, um einer Andacht beizuwohnen. Leider ist der künftige Vikar auf der Reise nach Michelfeld [1] erkrankt und passenderweise behandelte der Text am 11. Sonntag nach Trinitatis das Thema Demut und das Gleichnis des Pharisäers mit dem Zöllner fanden wir auch sehr passend.

Auf dem Weg zur Andacht. - On our way to the "church". (photo: M. Leyendecker)

 

In the morning, the congregation gathered to attend a devotional service. Unfortunately, the future vicar fell ill on his journey to Michelfeld [1], and fittingly, the text for the 11th Sunday after Trinity dealt with the theme of humility, and we also found the parable of the Pharisee and the tax collector very fitting.


Wir singen sehr schön. - We are singing very well. (photo: M. Leyendecker)

Nach der Andacht versammelte sich die politische Gemeinde des Weilers Leoweiler. Von den 3 Gemeinsmännern [2] fehlte der Wirt der Roten Steige. Dem einen Gemeinsmann wurde vom Schultheißen eine Geldstrafe für das Fehlen eines Gewehrs auferlegt. Dann musste der angeblich in fremde Kriegsdienste entwichene angeblich verschuldete Steigenwirt ersetzt werden, weil er in der Gemeinde das Amt des Dorfmeisters [3] innehatte. Auf Anhieb wurde der einzige andere Gemeinsmann zum Dorfmeister gewählt. Der Grabenreiter, der ja ein Bürger der Stadt ist und daher in der Gemeindeversammlung nichts zu sagen hat, meldete, dass ihm vom Herrn Sanwald [4] der Befehl erteilt wurde sich ins Steigengasthaus zu legen um dort mehrere Tage zu warten, ob auf den Druck der Besetzung des Hauses nicht der Verschwundene heimkehrt. Die Gemeinde beschloss den Amtmann zu bitten sich nach einem neuen Steigenwirt umzusehen, der nicht als Preller der Nachsteuer verdächtigt wurde. Übrigens wurde entsprechend der Instruktion für die Schultheißen darauf hingewiesen, dass die Gemeinsmänner die Dorfwachen durchführen mussten [5]. Die Gemeinde begab sich - wie damals üblich - danach ins Wirtshaus [6].

Ganz Leoweiler ist angetreten. - The whole community of Leoweiler is assembled. (photo: M. Leyendecker)

 

After the service, the political community of the hamlet of Leoweiler gathered. Of the three commoners [2], the innkeeper of the Rote Steige was missing. One of the commoners was fined by the mayor for not having a flintlock musket. Then the innkeeper of the Steigen, who had allegedly deserted to foreign military service and was allegedly in debt, had to be replaced because he held the office of village master [3] in the community. The only other commoner was immediately elected village master. The Grabenreiter, who is a citizen of the town and therefore has no say in the community meeting, reported that he had been ordered by Mr. Sanwald [4] to lie down in the Steigengasthaus and wait there for several days to see whether the missing man would return under pressure from the occupation. The community decided to ask the bailiff to look for a new innkeeper who was not suspected of evading back taxes. Incidentally, according to the instructions for the mayors, it was pointed out that the commoners had to conduct the village guards [5]. The community then went to the inn, as was customary at the time [6].

So schaut unser Adler aus. - A detail of the eagle. (photo: M. Leyendecker)


Am Nachmittag fand ein Adlerschießen statt [7]. Von den 6 angekündigten Schützen traten nur 5 an. Ich überprüfte die Schusswaffen entsprechend der Land- und Dorfordnung, welche gezogene Läufe verbot [8]. Die Flinte des Schmieds war offenbar nicht funktionstüchtig, meine eigene Flinte aber um so mehr. Schließlich gewann der Knecht [9] des Bauers Haug aus Leoweiler nebst jemand vom Hausgesinde der Steige das Schießen. Anschließend tanzten die zufriedenen Bauern vor dem Steigengasthaus.

Die Landleute auf dem Vogelschießen. Im Hintergrund der Adler. Im Vordergrund links der Schultheiß mit Sonntagskleidung. - The country people at the bird shooting. Please note the eagle in the background. At the left in the foreground you can see the mayor in his Sunday clothing. (Foto: S. Winter)

 

In the afternoon, an eagle shooting competition took place [7]. Of the six announced shooters, only five participated. I checked the firearms according to the rural and village regulations, which prohibited rifled barrels [8]. The blacksmith's flintlock gun was apparently not functional, but my own shotgun was even more so. In the end, the farmhand [9] of farmer Haug from Leoweiler, along with one of the Steige household staff, won the shooting competition. Afterwards, the satisfied farmers danced in front of the Steigen Inn.

Auch der Schultheiß ist dabei. - The "Schultheiß" in action too. (photo: M. Leyendecker)


Donnerstag, 18. September 2025

Anno Domini 1775 - Wie das Salz getragen wurde P 2

Am nächsten Morgen begab sich der Schultheiß zum Zöllner. Er hatte ja den Steckbrief erhalten und war nun angehalten wie in den Land- und Dorfordnungen zu lesen [1] nach herum streunendem Gesindel wie Räuber, Diebe und "Landtsknecht" Ausschau zu halten. Daher wurde ein reisender Fuhrmann besonders scharf untersucht, welcher zwar das Chausseegeld am Gelbinger Tor [2] entrichtet hatte, aber offenbar teures Glas schmuggeln wollte, zumal der mitreisenden Krämerin nicht im Traume einzufallen schien, dass sie die teuren Seiden- und Baumwollstoffe in ihrem Gepäck verzollen musste. Ein armer Salzträger erkaufte sich einen Landzollzettel.

Der Zoll wird schließlich doch gezahlt. - Finally they pay customs. (photo: art_fotografie_sulmtalix)

 
Sie fahren weiter. - They continue their journey. (photo: art_fotografie_sulmtalix)

The next morning, the mayor went to the customs officer. He had received the warrant and was now required, as stated in the rural and village regulations [1], to be on the lookout for vagrant rabble such as robbers, thieves, and "landsknechts." Therefore, a traveling cart driver was particularly closely investigated. He had paid the toll at the Gelbinger Gate [2] but was apparently trying to smuggle expensive glass, especially since the accompanying shopkeeper didn't seem to dream that she would have to pay customs duty on the expensive silk and cotton fabrics in her luggage. A poor salt carrier bought himself a rural customs slip.

Dorfschule vor "unserem" Haus. - School in front of our house. (photo: C. Hanselmann)


Anschließend ging ich zu meinem Nachbar hinter dessen Schweinestall eine schöne Wiese liegt, wo wir mit einem seiner Knechte und meinem Knecht das Heu ernteten. Das machten wir diesmal weitaus geschwinder als in den Vorjahren. Vielleicht sind die Landleute auch motivierter, wenn sie nicht die Herrschaftliche Wiese, sondern ihre eigene, abmähen müssen [3].

 

Auf der Wiese meines Nachbarn. - At the meadow of my neighbour. (photo: art_fotografie_sulmtalix)

Afterwards, I went to my neighbour, behind whose pigpen lies a beautiful meadow, where we harvested the hay with one of his farmhands and my farmhand. This time, we did it much faster than in previous years. Perhaps the farmers are also more motivated when they have to mow their own meadow, not the lord's meadow [3].

Der Knecht des Nachbars ist besonders gut dabei. - This farmhand of my neighbour is very good. (art_fotografie_sulmtalix)

Der Schulheiß ist aber auch scheinbar sehr stolz. - The "Schultheiß" is very proud nevertheless. (photo: art_fotografie_sulmtalix)


 

Die drei Schmiede an der Arbeit. - The three blacksmiths working. (photo: S. Winter)


Später stellte ich als Schultheiß eine Streife aus 2 Gemeinsmännern, dem Schmied und 2 Knechten auf, die entsprechend der Aufforderung des Amtmannes vom Vortag nach dem Dieb suchten. Wir wurden zwar weder in Scheune noch Haus fündig, trafen dann aber zufällig einen Burschen, der sich als Handwerker ausgab, aber keine gültigen Papiere [4] vorweisen konnte, was dazu führte, dass wir ihn gefangen nahmen. Wir führten den Gefangenen zum Steigengasthaus, wo wir ihn in eine Stube sperrten, worinnen er von 2 Bewaffneten beaufsichtigt wurde und die nur eine Tür hatte wodurch er nur durch einen Sprung aus dem Fenster hätte flüchten können. Wir behielten von einem der Tische der großen Schankstube den Verdächtigen im Auge. Nach einem Glas Wein für jeden Streifer marschierten wir weiter nach Hall, wo wir ihn dem Magistrat übergeben wollten. Als wir den städtischen Schuldturm schon beinahe sahen, wollte der Gefangene davon rennen. Er kam aber nicht weit...

Ein Bewaffneter zu Pferd nimmt auch Teil an der Streife. - We have one armed rider with us at our patrol. (photo: art_fotografie_sulmtalix)

 

Ein Gemeinsmann und ein Knecht brechen zur Streife auf. - A commoner and a farmshand are going out for patrol. (photo: S. Winter)

 
Wir treffen den Schmied am Wirtshaus. - We are meeting the blacksmith at the inn. (photo: Stefan Winter)

Donnerstag, 4. September 2025

Anno Domini 1775 Wie das Salz getragen wurde P 1

Dieses Mal war unsere Veranstaltung ein bisschen davon geprägt, dass die Darsteller von zwei sehr im Fokus stehenden Rollen - Zöllner und Steigenwirt - kurzfristig ausfielen. Zum Glück konnten wir das durch sehr flexible Teilnehmer kompensieren und teilweise habe ich das sogar in der Veranstaltung mit eingebaut. Ihr werdet sehen!

Die Zeitung ist voller Nachrichten aus England und Amerika. - The Newspapers are full of news from America and England. (photo: S. Winter)

 

This time, our event was somewhat affected by the fact that the actors playing two very prominent roles—the customs officer and the innkeeper—could not attend at short notice. Fortunately, we were able to compensate for this with very flexible participants, and I even incorporated some of this into the event. You'll see!

 

Der Amtmann ist zu Ross beim Zöllner eingetroffen. - The bailiff meets the custom officer. (Foto: art_fotografie_sulmtalix) 

Entsprechend der Quellen zu den drei Mitgliedern einer jüdischen Diebesbande [1], kam das Thema auch bei uns vor. Der Amtmann ritt ins Amt Rosengarten und verlas einen Steckbrief. Der einige Jahre zuvor in den Diensten des Schultheißen von Leoweiler gestandene Knecht, soll sich unterdessen mit einer Bande durchschlagen für die er Bauerngüter ausspioniert. Seit 1773 [2] hat er sich davon gemacht und wird mit dem Überfall auf eine Magd in Verbindung gebracht [3]. Der Zöllner vom Michelfelder Landturm [4] [5] versprach dem Landreiter und dem Amtmann den Steckbrief dem Schultheiß zuzustellen, der in diesen Tagen in Heilbronn weilen sollte.

Der Amtmann überbringt den Steckbrief. - The bailiff hands over the warrant. (photo: M. Leyendecker)

 
Wir reiten zu dritt zum Gasthaus. - We three are riding to the inn. (photo: M. Leyendecker)

According to the sources concerning the three members of a Jewish gang of thieves [1], the topic also arose in our country. The bailiff rode into the Rosengarten district and read out a warrant. The farmhand, who had been in the service of the mayor of Leoweiler for a few years, was said to be making a living with a gang for which he spied on farms. Since 1773 [2], he has been absconding and is linked to the attack on a maid [3]. The customs officer from the Michelfeld country tower [4] [5] promised the country rider and the bailiff that he would deliver the warrant to the mayor, who was supposed to be in Heilbronn at the time.

 

Unsere Pferde vor dem Steigengasthaus. - Our horses in front of the inn. (Foto: art_fotografie_sulmtalix)

Der Amtmann ritt anschließen nach Leoweiler und zur Roten Steige, wo er ein kärgliches Mahl einnahm [6]. An der Steige traf man auf Salzträger, die wie wir wissen, arme Teufel waren [7], weshalb wir sie nicht stärker behelligten. Ich reiste recht zufrieden ab und konnte immerhin für das Amt verbuchen, dass wie nur 1 fl. 30 ß hatten für "Zehrung" zahlen brauchen.

Der Tabak war gut im Wirtshaus. - The tobacco was good in the inn. (photo: art_fotografie_sulmtalix)


 

Donnerstag, 3. April 2025

Die Achtung vor dem Amtmann - The respect for the bailiff (in 1775)

Es ist spannend wie penibel die Amtspersonen im 18. Jahrhundert auf ihre Würde achteten. So bestand man darauf, dass dem Amtmann die nötige Achtung entgegen gebracht wurde. Wir versuchen das auch auf unseren Veranstaltungen in unserem Verhalten widerzuspiegeln. Normalerweise findet man keine Vergehen, die sich gegen die Würde der Obrigkeit verging, was auch heißen kann, dass man früher nicht so akribisch darauf geachtet hatte. Es ist indessen auch nicht so, dass die Vertreter der Reichsstadt in der Fläche wie die Schultheißen selbst immer ganz vorbildlich sich verhielten. So habe ich in den Jahren meiner Recherchen schon einmal einen Schultheiß gefunden, der mehrfach straffällig wurde indem er einfach so Einwohner seines Dorfes mit seiner Flinte bedrohte und beschimpfte.

It is exciting how meticulously officials in the 18th century paid attention to their dignity. So it was insisted that the bailiff was shown the necessary respect. We also try to reflect this in our behavior at our events. Normally you don't find any offenses against the dignity of the authorities, which may also mean that they weren't so meticulous in the past. However, it is not the case that the representatives of the imperial city in the area, like the mayors themselves, always behaved in an exemplary manner. In the years of my research, I have already found a mayor who committed multiple crimes by simply threatening and insulting the residents of his village with his gun.

Der Amtmann 1763 im Steigengasthaus mit dem damaligen Pfarrer und seiner Frau. Bei Kirchenvisitationen speiste der Amtmann regelmäßig mit den Pfarrern in den Wirtshäusern in seinem Amt. - The bailiff in the tavern together with the vicar and his wife in 1763. At the occassion of the "Kirchenvisitationen" the bailiff regulary took his meal with the priests in the inns of his district. (photo: M. Paulick 2013)

 

Konkrete Beispiele findet man immer wieder in einer der besten Quellen zum Leben der Bauern untereinander und mit der Obrigkeit in Form der Amtsrechnungen. Die Häufung solcher Fälle von scheinbar gedemütigtem Stolz der Vertreter des Staates ist 1775 aber wirklich ungewöhnlich. Ich habe ja zuvor bereits viele Amtsrechnungen anderer Jahre durchgesehen. Ein Bauer aus Hegenau[1] beispielsweise trat am 25. Juli vor eine Deputation ohne seinen Hut abzuziehen, wobei es scheinbar allein schon schlimm genug war, dass er die „HeydStuben“ betrat mit Hut auf dem Kopfe. Der Bauer sollte 1775 1 fl. Strafe für diese „Grobheit“ bezahlen[2]

Concrete examples can always be found in one of the best sources on the lives of farmers among themselves and with the authorities in the form of official accounts. The accumulation of such cases of seemingly humiliated pride among state representatives is really unusual in 1775. I have already looked through many official accounts from other years. A farmer from Hegenau[1], for example, appeared before a deputation on July 25th without taking off his hat, although it was apparently bad enough that he entered the “HeydStuben” with a hat on his head. In 1775 the farmer had to pay a fine of 1 fl. for this “rudeness” [2].

 

Der Amtmann siegelt 1769 ein Schreiben. - The bailiff put his seal on a writing in 1769. (photo: C. Behnke, 2019)

Ebenso wollte auch ein Schultheiß keinen Schimpf auf sich sitzen lassen. So verklagte der Schultheiß des kleinen Dorfes Rieden einen Hans Jörg Weidner, ebenfalls von dort, der ihn damit beleidigt haben soll, dass er angeblich besser zum „Eselstreiber“ statt zum Schultheißen getaugt hätte[3]. Wenige Tage danach am 12. August verging sich auch ein Bauer, Jörg Adam Haug, aus Biebersfeld, welcher die Herrschaften in der Amtsstube geärgert habe indem er ohne anzuklopfen und mit dem Hut auf dem Kopf eingetreten sei[4]. Leider wird die Amtsstube nicht näher beschrieben und ich habe bislang nichts weiter darüber gefunden. Der Amtmann des Amtes Rosengarten selbst hatte auf dem Land keinen Amtssitz[5] sondern wohnte in den Mauern der Reichsstadt, wo er bei Anliegen der Untertanen wie Anzeigen von Straftaten scheinbar in ihrer Privatwohnung aufgesucht wurde.

Beleidigungen mit groben Worten wurden aber härter geahndet. Ähnlich wie es dem Riedener Schultheiß ergangen war, wurden auch die beiden Schultheißen [6] von Uttenhofen und auch der dortige Wirt Seckel durch Friedrich Zörn "elende Tropfen" genannt, wofür Zörn immerhin 3 fl. Strafe zahlen musste [7].

Likewise, a mayor (Schultheiß) did not want to endure any insults. The mayor of the small village of Rieden sued Hans Jörg Weidner, also from there, who is said to have insulted him by saying that he would have been better suited to be a “donkey driver” instead of a mayor[3]. A few days later, on August 12th, a farmer, Jörg Adam Haug, from Biebersfeld, also committed himself because he annoyed the people in the office by entering without knocking and with his hat on his head[4]. Unfortunately, the office is not described in more detail and I have not found anything further about it so far. The bailiff of the Rosengarten office himself did not have an official residence in the countryside[5] but lived within the walls of the imperial city, where they were apparently visited in their private apartment if their subjects had concerns such as reporting crimes.

However, insults with harsh words were punished more severely. Similar to what happened to the Rieden mayor, the two mayors [6] of Uttenhofen and the local innkeeper Seckel were called "miserable drops" by Friedrich Zörn, for which Zörn had to pay a fine of 3 fl. [7].