Dienstag, 23. Februar 2021

Inventar der Wirtin

Catharina Rosina Mittenmayer geb. 1742 verheiratet mit einem Haller Wirt.


Die Wirtin auf dem Gemälde ist nicht die gleiche, deren Kleiderinventar wir hier zeigen können, aber sie veranschaulicht gut, wie auch eine Frau aus einer scheinbar "einfachen" Schicht Kleidung und Accessoires aus teilweise sehr edlen Stoffen besitzen konnte.
War Frau Wirtin eine kleine Modenärrin? Wir wissen es nicht, aber sie besaß die stolze Anzahl von 10 Hauben.

Sonntag, 21. Februar 2021

Schlacht bei Freiburg 1644 T. 2, Battle of Freiburg 1644 p. 2


Tag 1 - Anmarsch und Turennes Kampf

Die wohl bekannteste Darstellung der Schlacht bei Freiburg ist die von Matthäus Merian. Sie zeigt nicht nur die verschiedenen Phasen der Schlacht samt der Belagerung zusammen auf einem Blatt, was natürlich schon Probleme für die Lesbarkeit des Bildes ergibt, sondern liegt offensichtlich auch topographisch ziemlich daneben. Es gibt einige ältere Bilder v.a. in der Sammlung des Augustinermuseums Freiburg [1], aber auch moderne Rekonstruktionsversuche wie zu den Arbeiten von Schaufler[2] und Vogel[3], welche Merians Bild für uns zurecht rücken. Merian stellt es bspw. so dar, als ob die Franzosen auf dem Bohl von den Bayern einen erheblichen Raum zum Aufmarsch eingeräumt hätten, was unlogisch wäre. Eine spätere Abbildung des Ingenieurs Goubaut zeigt gar eine lange Befestigungslinie durch ein viel zu breit dargestelltes Mühlbachtal bei Merzhausen[4]. Leider ist eine völlige Rekonstruktion auf archäologischer Grundlage wie wir es bspw. von der Schlacht bei Wittstock kennen [5] bislang unterblieben. Da große Teile des Schlachtfeldes überbaut sind oder noch überbaut werden und offensichtlich keinerlei Schutz als Flächendenkmal oder dergleichen vorliegt, sind wohl auch wertvolle Fundorte für immer verloren oder werden verloren gehen (man erkennt vielleicht auf meinen Fotos die vielen neuen Häuser an den Hängen des Lorettoberges z.B.).
 
Die Darstellung der Belagerung UND der Schlacht von 1644 durch Matthäus Merian. - The picture of the siege AND the battle of 1644 by Matthäus Merian. (Ausschnitt/ Detail)

 

Für den 3. August 1644, dem ersten Tag der Schlacht, hatte Mercy noch etwa 17.000 Mann zur Verfügung. Die Abgänge im Vergleich zum Stand vom Beginn des Feldzuges [5] erklären sich durch Einheiten, die er zurücklassen musste - so allein 1.000 Mann vor der Festung Hohentwiel - und den hohen Verlusten von schätzungsweise 1.600 Mann während der Belagerung von Freiburg[6].


Skizze des ersten Tages der Schlacht. Wegen dem Maßstab nicht eingezeichnet: die Sternschanze nahe der Bohl Stellung. / sketch of the first day of the battle. Not included due to the small scale of the battle: the starforce near the Bohl position.

Nachdem der französische Kriegsrat am 2. August in Breisach dem Angriffsplan zugestimmt hatte, begaben sich am Morgen des 3. August 1644 die Kommandeure Turenne und Enghien Richtung Schönberg, um nochmal Details zu besprechen. Doch nun war Enghien schockiert, denn Mercy hatte seine Bergstellung unterdessen ausgebaut und Bäume fällen lassen. Zu einer völligen Änderung des Schlachtplans war es zu spät. Die beiden französischen Armeen erhielten den Befehl zu Aufbruch aus dem Lager bei Krozingen.

Turenne musste den Höhenzug des Hohfirst und Schönberg umgehen. - Turenne had to move around the heights of the Hohfirst and Schönberg.
 
Day 1 - French march and Turenne's fight 
 
Probably the most famous depiction of the Battle of Freiburg is that of Matthäus Merian. It not only shows the different phases of the battle including the siege together on one sheet, which of course causes problems for the legibility of the picture, but is obviously quite wrong topographically. There are some older pictures, especially in the collection of the Augustinermuseum Freiburg [1], but there are also modern attempts at reconstruction, such as the work of Schaufler [2] and Vogel [3], which put Merian's picture in order for us. Merian, for example, portrays it as if the French had given the Bavarians a considerable amount of space on the Bohl, which would be illogical. A later illustration by the engineer Goubaut even shows a long line of fortifications through the Mühlbachtal near Merzhausen, which is much too wide [4]. Unfortunately, a complete reconstruction on an archaeological basis as we know it from the battle of Wittstock [5] has not yet been carried out. Since large parts of the battlefield are built over or are still being built over and there is obviously no protection as an area monument or the like, valuable sites are probably lost forever or will be lost (you may see the many new houses on the slopes of Lorettoberges in my photos, for example ).
For August 3, 1644, the first day of the battle, Mercy had about 17,000 men left. The losses compared to the status at the beginning of the campaign [5] can be explained by units he had to leave behind - 1,000 men in front of the Hohentwiel fortress alone - and the high losses of an estimated 1,600 men during the siege of Freiburg [6].
After the French war council had approved the plan of attack on August 2nd in Breisach, on the morning of August 3rd, 1644, commanders Turenne and Enghien went to Schönberg to discuss the details again. But now Enghien was shocked because Mercy had meanwhile expanded his mountain position and had trees felled. It was too late to change the battle plan entirely. The two French armies received orders to leave the camp near Krozingen.

Turenne greift an

Turenne durchschritt das Hexental. Der Maréchal de Camp Roquesevière kommandierte die Vorhut. Der Vormarsch auf der schlecht erhaltenen Straße erwies sich als schwierig. Man brauchte für die nur zwölf Kilometer nach Wittnau bis 16 Uhr Nachmittag! Und zu dem Zeitpunkt kam dort auch erst die Vorhut an. Die zwangsverpflichteten Bauern mussten den Weg frei schlagen.


 

Nahe Au traf die Vorhut auf das bayerische Regiment Rouyer, welches Mercy dorthin gelegt hatte nachdem er von Einheimischen vom Vordringen der Franzosen erfahren hatte. Der Ort dieses Kampfes ist recht umstritten. Bei Merian hat man den Eindruck, dass der Kampf in der Talsohle stattfand, wo also die Hauptstraße durchs Mühlbachtal verlief. Ich folge hingegen Schauflers Annahme, dass der Kampf etwas oberhalb zwischen Au und Merzhausen an einer Weggabelung stattfand, wo ein Weg westlich zum heutigen Jesuitenschloss und östlich nach Merzhausen hinab führt[7]. 

Das Gelände südlich dem heutigen Jesuitenschloss. - The terrain looked southwards near the Jesuitenschloss. (Foto: W. Hanselmann, 2003)

 

Man kann sich hier an der Stelle freilich fragen woher Mercy im Vorhinein gewusst haben will, dass Turenne seine Vorhut oberhalb am östlichen Schönberghang entlang schicken würde[8]. Denn die Anlage der fünf Wegsperren muss ja von langer Hand geschehen sein. Wenn diese für den Moment unüberwindlich sein sollen und nicht etwa in 1-2 Minuten wegzuräumen, braucht man auch einiges an Zeit[9]. Andererseits ist ja auch nicht sicher, ob nicht solche Wegsperren einfach an allen Straßen und Wegen errichtet wurden und man beim Eintreffen von Roquesevière einfach am angegriffenen Punkt das Regiment zusammen zog. 

Freitag, 5. Februar 2021

Die Hinterlassenschaft des Grabenreiters Johann Wilhelm Hartmann

Johann Wilhelm Hartmann war Grabenreiter (Funktionsträger) im Amt Rosengarten und Bürger von Schwäbisch Hall[1]. Zum Thema Grabenreiter haben wir bereits einiges berichtet[2]. Der Besitz des Grabenreiters Hartmann war ziemlich bedeutend. Seine "Behausung" allein hatte schon einen Wert von 700 Gulden. Seine Witwe Albertina Regina erhält neben seinen Kindern eine beträchtliche Hinterlassenschaft.

An weiblichen Kleidern, wohl aus Hartmanns erster Ehe hinterließ Hartmann laut "Actum: 26. Juni 1766" folgendes:

Porträt einer Unbekannten. 18. Jahrhundert. (Hällisch-Fränkisches Museum Schwäbisch Hall)

Mittwoch, 3. Februar 2021

Schlacht bei Freiburg 1644 Teil 1 / Battle of Freiburg 1644 Part 1

Die Schlacht bei Freiburg 1644 Vorgeschichte, Teil 1 / The battle of Freiburg in 1644, time before the battle, part 1

 

Die Schlacht bei Freiburg liegt sozusagen vor unserer Haustür. Statt noch 23 Jahre zu warten, habe ich mir vorgenommen meinen Lesern dieses Jahr das Schlachtfeld vorzustellen. Ich habe an verschiedenen Tagen die einzelnen Abschnitte des Schachtfelds besichtigt beziehungsweise von weitem fotographiert. Die Idee dahinter ist auch zum einen ein bisschen die Darstellung vor allem der Topographie wie sie uns "Kings and Generals" in ihrem ansonsten ausgezeichneten Video zu korrigieren[1] und zum anderen das Schlachtfeld zu dokumentien wie es heute noch existiert. Denn große Teile wurden allein schon in den letzten 10-15 Jahren überbaut, was insbesondere das Mühlbachtal/Hexental bei Merzhausen aber auch die Gegenden von Schallstadt-Wolfenweiler und Ebringen anbelangt. 

An der Stelle will ich gleich einmal um Verzeihung bitten, weil etliche Bilder an einem nebeligen Januartag entstanden sind. 

Insgesamt wird dem Dreißigjährigen Krieg auch infolge des 400. Jahrestages des Kriegsausbruchs zusehends mehr Bedeutung gezollt, was auch durch umfangreiche Publikationen verdeutlicht wird[2][3]. Für Freiburg steht der Dreißigjährige Krieg nach einer Weile in welcher die Stadt nicht im Fokus militärischer Ereignisse stand am Beginn von einem "Jahrhundert der Kriege" wie es Peter Kalchthaler nennt[4].

Im März 1638 war die Stadt in schwedische das heißt weimarische Hände gefallen. Am 11. April 1638 zog Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar in die Stadt ein. Auch nach dem Tod des Herzogs blieb die Stadt in schwedisch-französischer Hand. So ließ der Kommandant Karnofski die Bürger die Treue auf König Louis XIII schwören[5]. 

Freiburg auf der Darstellung von Matthäus Merian, 1643. Man beachte links an der Stadtmauer eine der wenigen moderneren Geschützstellungen. Rechts mittig sieht man schon Häuser des Dorfes Adelhausen, welches nahe am Schlierberg lag. - Freiburg on the picture by Matthäus Merian from 1643. Please notice that at the left at the city wall are some of the few more modern artillery positions. At the right are the first houses of the Adelhausen village which was situated next to the Schlierberg.



The battle of Freiburg is, so to speak, on our doorstep. Instead of waiting 23 years, I have decided to introduce my readers to the battlefield this year. On different days I visited the individual sections of the battlefield or took photos from a distance. The idea behind it is, on the one hand, a bit of depicting the topography which was on the "Kings and Generals"-chanel not correct in their otherwise excellent video [1] and on the other hand, to document the battlefield as it still exists today. Because large parts were built over in the last 10-15 years, especially in the Mühlenbachtal/Hexental near Merzhausen but also in the areas of Schallstadt-Wolfenweiler and Ebringen. At this point I want to ask for your forgiveness, because quite a few pictures were taken on a foggy January day.

Overall, the Thirty Years' War is becoming increasingly important as a result of the 400th anniversary of the outbreak of war, which is also illustrated by extensive publications [2] [3]. For Freiburg, the Thirty Years' War stands after a while in which the city was not the focus of military events at the beginning of a "century of wars" as Peter Kalchthaler calls it [4]. In March 1638 the town fell into Swedish, that is, Weimar hands. On April 11, 1638, Duke Bernhard von Sachsen-Weimar moved into the city. Even after the Duke's death, the city remained in Swedish-French hands. So the commandant Karnofski made the citizens swear allegiance to King Louis XIII [5].

Die Heere

Der eigentlichen Schlacht Anfang August 1644 war die Einnahme Freiburgs durch Feldmarschall Mercy voraus gegangen. Mercy (1597-1645) war mit einem "wohlgerüsteten und gut ausgebildeten Heer" gesegnet, das Anfang 1644 aus 9.927 Mann Fußvolk in 11 Regimentern und 9.713 Mann Reiterei in vier Kürassier-, 3 Arkebusier und 2 Dragonerregimentern bestand[6]. Mit 26 Geschützen war der  bayerische Artilleriepark unter Generalzeugmeister von Vehlen [7] der Größe der Armee angemessen.

Kürassierhelm aus dem 17. Jahrhundert (Museum Saalfeld). Mercy verfügte über die Kürassierregimenter Mercy, Gayling, Alt Kolb und Lapierre. - Helmet of cuirassiers from the 17th century (collection of the museum of Saalfeld). Mercy had the cuirassier regiments: Mercy, Gayling, Alt Kolb and Lapierre.

 

Die beiden wesentlichen Armeen der Franzosen unterstanden den Marschällen Turenne und Enghien. Der damals noch junge aber schon recht kriegserfahrene Turenne (1611-1675) hatte in seiner "Armée d'Allemagne" nur etwa 10.000 Mann. Dieses Heer war ebenso wie das unter Franz von Mercy mit 5.000 Berittenen anteilig sehr stark mit Kavallerie besetzt[8], was allerdings für die Spätphase des 30-jährigen Krieges auch recht typisch ist. Wenngleich dieses Heer sehr klein war und nach Maßstäben des 18. Jh. beispielsweise nicht mehr als ein schwaches Korps gewesen wäre, konnte Turenne dafür auf besonders kampferprobte Veteranen der Truppen des Herzogs von Sachsen-Weimar vertrauen, welche in die französische Armee aufgegangen waren. 

Der blutjunge Prince d'Enghien (1621-1686) verfügte mit seiner "Armée de France" über eine gleich große Truppe wie Turenne, die allerdings vollkommen anders zusammen gesetzt war und nur 3 Regimenter Kavallerie in Stärke von 4.000 Reitern und stattdessen 9 Regimentern Infanterie umfasste[9].

Kürassiere links und Arkebusiere rechts des Dreißigjährigen Krieges aus meiner Figurensammlung. - Cuirassiers at the left and harquebusiers at the right from my collection of miniatures.

 

The armies

The actual battle at the beginning of August 1644 was preceded by the capture of Freiburg by Field Marshal Mercy. Mercy (1597-1645) was blessed with a "well-armed and well-trained army" which at the beginning of 1644 consisted of 9,927 infantry in 11 regiments and 9,713 cavalry in four cuirassier, 3 arquebusier and 2 dragoon regiments [6]. With 26 guns, the Bavarian artillery park under Generalzeugmeister von Vehlen [7] was appropriate to the size of the army.

The two main armies of the French were under command of the marshals Turenne and Enghien. Turenne (1611-1675), who was then still young but already experienced in the war, only had about 10,000 men in his "Armée d'Allemagne". This army, like the one under Franz von Mercy with 5,000 mounted men, was partly very heavily manned with cavalry [8], which, however, is quite typical for the late phase of the Thirty Years' War. Although this army was very small and, by the standards of the 18th century, would not have been more than a weak corps, Turenne could rely on the particularly battle-tested veterans of the Duke of Saxe-Weimar's troops, who had been absorbed into the French army.

The very young Prince d'Enghien (1621-1686) had with his "Armée de France" a force of the same size as Turenne, which was composed completely differently and comprised only 3 regiments of cavalry with a strength of 4,000 riders and instead 9 regiments of infantry [9].

Ungefähre Lage der beiden Heere Anfang bis Ende Juli. Rot eingezeichnet beruhend auf der zeitgenössischen Darstellung der Schlacht die Verschanzungen der Bayern unter Mercy (Karte von André Hanselmann). - 
Approximate location of the two armies in early to late July. The entrenchments of Bavaria under Mercy are drawn in red based on the contemporary depiction of the battle (map by André Hanselmann).


Die Stellungen von Turennes "Armée d'Allemagne" und Mercys "Chur-Bayerische-Reichs-Armada" Anfang Juli 1644 (Foto Januar 2021 von André Hanselmann). - The positions of Turenne's "Armée d'Allemagne" and Mercy's "Chur-Bayerische-Reichs-Armada" at the beginning of July 1644 (photo from January 2021 by André Hanselmann).

 

Lage vor der Schlacht

Der Maréchal d'Enghien sollte gegebenenfalls Turenne oder Orléans Armee in Flandern unterstützen. Da aber Turenne mit seinem Heer ab dem 1. Juli 1644 praktisch tatenlos vom Batzenberg bei Schallstadt aus der Belagerung Freiburgs durch Mercy zusah[10], war für Karnofski im Grunde die Lage verzweifelt. Es kam immerhin bei St. Georgen (heute Freiburg) und Wolfenweiler zu ein paar Gefechten. Am 24. Juli nahm Turenne sogar seine Truppen bis nach Krozingen zurück. Enghien - vielleicht auch getäuscht durch Turennes beschönigende Berichterstattung - begann am 22. Juli den Aufbruch von Sedan zum Entsatz von Freiburg. Was Enghien auf seinem Marsch nicht wissen konnte war, dass Karnofski unterdessen nachdem die Bayern mehrere Breschen in die mittelalterliche, auf jeden Fall nicht dem Stand der Militärtechnik entsprechende Stadtmauer geschossen hatten bereits am 27. Juli die weiße Fahne hisste. Als Enghien bei Zabern im Elsass am 29. Juli eintraf, hatte schon einen Tag zuvor der Kommandant von Freiburg die Stadt mit Accord übergeben[11].

Montag, 1. Februar 2021

Historiker von nebenan mit Dr. Hildegund Bemmann - Historians alongside with Dr. Hildegund Bemmann

Dr. Hildegund Bemmann hat sich wissenschaftlich intensiv mit dem Thema Materialkultur beschäftigt. Ihre Doktorarbeit ist unter dem Titel "Rheinisches Tafelsilber - Silbernes Prunk- und Tafelgerät des nördlichen Rheinlandes von 1550 bis 1800"[1] im Druck erschienen. Beruflich war sie in den letzten Jahren in der Gegend von Passau im Antiquitätenhandel als Expertin tätig. Daneben nahm sie bereits an zahlreichen unserer Anno Domini- und Landleben-Veranstaltungen im Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen teil.  

Dr. Hildegund Bemmann has dealt intensively with the topic of material culture. Her doctoral thesis has appeared in print under the title "Rheinisches Tafelsilber - Silbernes Prunk- und Tafelgerät...    " [1]. Professionally she has worked as an expert in the antique trade in the Passau area in recent years. In addition she has already participated in numerous of our Anno Domini and country life events in the Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen. 

Hildegund Bemmann auf einem der Pferde während einer unserer Anno Domini Veranstaltungen. Die Tracht ist typisch für die Region von Schwäbisch Hall im 18. Jahrhundert. -  Hildegund Bemmann on one of the horses during one of our Anno Domini events. The costume is typical of the Schwäbisch Hall region in the 18th century.

1. Hallo liebe Gundi! Ich hoffe, Du bist gesund und munter. Jetzt hätte ich gleich mal eine ganz aktuelle Frage: was machst Du so während des Lockdowns? Liest Du auch viele Bücher?

Vielen Dank, bislang hat mich das Virus noch verschont. Zum Glück bin ich jemand, der niemals Langeweile hat. Für meine neue Aufgabe im Evangelischen Bildungswerk, von dem ich mit der Entwicklung eines pädagogischen Konzepts für die Bildungsarbeit auf Schloss Ortenburg beauftragt wurde, habe ich viel über die Reformationsgeschichte der Region Niederbayern und Oberösterreich gelesen.
Im Sommer entdeckte ich in einem oberösterreichischen Stadtmuseum zufällig einen Schatz wundervoll erhaltener Kleidungstücke aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. Zusammen mit einer Hobbykollegin habe ich diese untersucht, beschrieben, fotografiert und z. T. die Schnitte abgenommen. Einige Stücke habe ich für mich reproduziert.
Daneben habe ich Projekte angepackt, die ich wegen des hohen Zeitaufwandes immer beiseite geschoben hatte, mich aber eigentlich gereizt haben, und sogar fertiggestellt! In der Hauptsache waren dies Stickarbeiten.
Weil ich jetzt erst mal wirklich genug zum Anziehen habe, habe ich mich aktuell an die Anfertigung und Ausstattung einer Modepuppe für die Darstellung im 18. Jahrhundert gewagt. Man könnte also sagen, dass ich die Zeit gut genutzt habe...

1. Hello dear Gundi! I hope you are safe and sound. Now I would have a very topical question: what are you doing during the lockdown? Do you also read a lot of books?

Thank you, so far the virus has spared me. Fortunately, I'm someone who is never bored. For my new job at the Evangelical Educational Organization, from which I was commissioned to develop a pedagogical concept for educational work at Ortenburg Castle, I read a lot about the history of the Reformation in the Lower Bavaria and Upper Austria region.
In the summer I accidentally discovered a treasure trove of wonderfully preserved pieces of clothing from the 18th and early 19th centuries in an Upper Austrian city museum. Together with a hobby colleague, I examined, described, photographed and partly took the patterns. I have reproduced some pieces for myself.
In addition, I tackled projects that I had always pushed aside due to the high expenditure of time, but actually tickled me, and even finished! Mainly this was embroidery. 

Because I now really have enough to wear, I have currently dared to make and equip a fashion doll for representation in the 18th century. So you could say that I used the time well ... 


2. Ich glaube wir sind vor vielen Jahren miteinander dadurch in Kontakt miteinander gekommen, weil Du für Cecilia einen Stecker bestickt hast. Damals warst Du auf jeden Fall noch nicht bei uns auf den Veranstaltungen. War das für Dich die Initialzündung?

Ich hatte die Szene im Netz schon eine Weile beobachtet, mir aber lange Zeit nicht zugetraut da mitzumachen. In sofern war der Kontakt durch die Stickarbeit für Cecilia die erste persönliche „Tuchfühlung“.

2. I think we came into contact with each other many years ago because you embroidered a stomacher for Cecilia. At that time you were definitely not at the events with us. Was that the initial spark for you?
I had been watching the scene on the net for a while, but for a long time I didn't trust myself to take part. In this respect, the contact through the embroidery was the first personal "touch" for Cecilia.


3. Du hast ja in dem Sinne das Hobby nicht allein angefangen, sondern von der ersten Anno Domini-Veranstaltung an war Dein Ehemann als Pfarrer mit dabei. Ich habe selber festgestellt bei meiner Recherche für "meinen" Ratsherrn, dass es unheimlich schwierig ist Details über die Kleidung heraus zu finden - das wird nicht einfacher dadurch, dass die scheinbar offizielle Kleidung der Ratsherren auf den Bildern im Museum[2] [3] schwarz ist. Ich habe praktisch keine Originale gefunden, sondern nur Bildquellen und Inventare genutzt. Ging es Dir da besser für die Kleidung des Pfarrers?

Zum Glück gibt es zahlreiche Darstellungen von Pfarrern aus dem 18. Jh. Die Stoffwahl war auch nicht so kompliziert, weil diese ja nur schwarz gekleidet waren. Der Schnitt entsprach dem der herrschenden Mode – vielleicht etwas konservativer. Rüschen oder gar Spitzengarnituren am Hemd findet man eher selten oder gar nicht.

3. In that sense, you didn't start your hobby alone, but your husband was there as a pastor from the first Anno Domini event. During my research for "my" councilor, I found out that it is incredibly difficult to find out details about the clothing - this is not made easier by the fact that the apparently official clothing of the councilors in the pictures in the museum [2] [3] is black. I practically didn't find any originals, just used image sources and inventories. Have you been luckyer for the priest's clothes?

Fortunately, there are numerous depictions of pastors from the 18th century. The choice of fabric was also not that complicated, because they were only dressed in black. The cut corresponded to that of the prevailing fashion - perhaps a little more conservative. Ruffles or even lace trimmings on shirts are scarce or not existing at all.


Brot wie es bei uns in Wackershofen gebacken wurde. - Bread like it was baked in Wackershofen. 


4. Sehr beeindruckend fand ich immer, dass Du trotz Deiner akademischen Ausrichtung als Historikerin doch sehr praktisch veranlagt bist. Du kannst prima Brot backen in unseren Backöfen in Wackershofen und sammelst auch Kräuter. Woher kommt Deine Affinität und praktische Begabung?

Warum sollte man als Kunsthistorikerin nicht auch praktisch veranlagt sein? Ich muss zugeben, dass ich das Fach nie so „verkopft“ betrieben habe. Daher habe ich auch für meine Dissertation ein „handfestes“ Thema gewählt. Die Geschichte praktisch und unmittelbar erfahrbar darzustellen, kommt mir deshalb auch so entgegen. 

4. I always found it very impressive that despite your academic orientation as a historian, you are very practical. You can bake bread in our ovens in Wackershofen and also collect herbs. Where does your affinity and practical talent come from?

As an art historian, why shouldn't you have a practical disposition? I have to admit that I have never been so “heady” about the subject. That's why I chose a “tangible” topic for my dissertation. So presenting the story in a practical and directly tangible way suits me.


5. Du bist ja mittlerweile irgendwie ein Teil der Familie geworden und ich finde es daher stimmig, dass wir zumindest bei den Landleben-Veranstaltungen auch eine Familie zusammen spielen. Nun muss ich eventuell erklären, warum meine Mutter im April nicht dabei ist (falls unsere Veranstaltung stattfindet). Hast Du eine historisch schlüssige Erklärung? Vielleicht ein Besuch bei Verwandten?

Das ist doch eine gute Idee! Die Nichte im Nachbardorf hat ihr erstes Kind bekommen und braucht Unterstützung. Meine „Kinder“ sind ja schon „groß“ und brauchen mich nicht mehr so dringend.

5. In the meantime you have somehow become part of the family and I therefore think it is right that we play a family together at least at the country life events. Now I might have to explain why my mother won't be there in April (if our event takes place). Do you have a historically conclusive explanation? Maybe a visit to relatives?

That's a good idea! The niece in the neighboring village has had her first child and needs support. My "children" are already "fully grown" and no longer need me so badly.

Als Frau Pfarrerin im Sonntagsstaat. - As the wife of a pastor in her Sunday best.


Dienstag, 26. Januar 2021

Der Frau Amtmännin Inventarium

Heute möchte ich mit den textilen Hinterlassenschaften einer weiteren Frau der Oberschicht der Freien Reichstadt Schwäbisch Hall fortfahren.

Marktszene in Schwäbisch Hall an der Michaeliskirche auf einer Stadtansicht von um 1750 (Detail). Man beachte auch verschiedenen einfache Kleidung der Staffagefiguren. (Beilage in Schauffele Chronik, SHA Stadtarchiv Sig. HV HS 89)

Sonntag, 24. Januar 2021

Frau Müllers schöne Kleider

 (English translation on demand)

Eine meiner liebsten Quellen für die Rechere der Kleidung sind Inventare. Sie geben anders als Abbildungen kein idealisiertes Bild ab und zeigen uns eine realistische Momentaufnahme der Besitztümer einer bestimmten Person, die recht klar zugeordnet werden können.

Ich beginne hier mit dem reichsten Inventar das ich im Stadtarchiv in Schwäbisch Hall gefunden habe[1]. Ironischerweise gehört es der Gemahlin des Herrn Müller[2], dem Vordenker der pietistischen Bewegung in Hall, der regelmäßig gegen Luxus und Prunk predigte. Er hatte auch maßgeblichen Anteil bei der Aufstellung der Kleiderordnungen vor allem ab dem Stadtbrand von 1728[3]. Seine Frau schien anderer Meinung als er zu sein. Während der Rat der Reichsstadt mit Dekreten und Kleiderordnungen vor allem aus ökonomischen Gründen[4] gegen den Import von Testilien vorging, kleidete sich Frau Müller auch im Vergleich zu anderen Hallerinnen  [5] auffällig in französischem Stil [6]. Sie war offenbar ungemein reich, erbte 1724 das Haus ihrer Eltern in der Unteren Herrengasse in Hall. Ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis wurde über sie im Sterberegister hinterlassen: "Ihr xstenthum betreffend so kam sie gern ins Hauß Gottes, wie auch zu beicht und Heil. abendmahl, erkannte anbey ihre Fehler und sünden und hitzige Übereilungen. Gott suchte auch ihre Demüthigung in verschiedenen leiden und kranckheiten."[7]

Porträt der Eleonora Bühl (1724-1771). Sie wurde mit 16 Jahren mit dem Lebküchner und späteren Ratsherrn Johann Bernhard Bühl vermählt. Sie trägt wohl ein "deutsches" Kleid.