Samstag, 21. Oktober 2023

Historiker von nebenan / historians alongside: Sophia Brandus P 1

 Heute will ich euch Sophia Brandus vorstellen, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat, die im 17. Jahrhundert spielen.

Today I want to introduce you to Sophia Brandus, who has already published several novels set in the 17th century.

 

André Hanselmann: Erst einmal eine ganz obligatorische Frage, die ich mir bei mir selbst nicht beantworten kann. Wie bist Du auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges gekommen?

André Hanselmann: First of all, a very obligatory question that I can't answer for myself. How did you come to know the time of the Thirty Years' War?

 

Sophia Brandus: Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts hat mich mehr und mehr, ohne dass ich es mir speziell ausgesucht habe, in seinen Bann gezogen. Es fühlt sich für mich eher so an, also habe die Zeit mich ausgesucht und nicht ich sie. Es mag etwas seltsam klingen, aber ich realisierte das, als ich begann die in meinem Kopf entstehende Geschichte aufzuschreiben und mich parallel in zunehmendem Maße mit der Zeit beschäftigt habe.

Sophia Brandus: The first half of the 17th century captivated me more and more, without me specifically choosing it. It feels more like this to me, so time chose me and not I chose it. It may sound a bit strange, but I realized this as I began to write down the story that was emerging in my head and, at the same time, became increasingly occupied with the period.

 


 

André Hanselmann: Ich habe bislang "Euch zum Urteil - Kein gerader Weg" gelesen [1]. Der Roman scheint mir sehr detailliert recherchiert, sei es nun das Aussehen von bspw. Freiburg im 17. Jh. oder auch die Rechtssprechung in der Zeit. Hast Du Dich vor dem Roman damit beschäftigt wie eine Historikerin Quellen zu sichten?

André Hanselmann: So far I have read "Euch zum Urteil - Kein gerader Weg" [1]. The novel seems to me to have been researched in great detail, be it the appearance of Freiburg in the 17th century or the jurisprudence at that time. Before writing the novel, did you spend time sifting through sources like a historian?

 

Sophia Bandus: Mein Schreiben folgt nicht dem klassischen Weg (Idee für eine Geschichte, Plotten, Recherche und dann Schreiben) und somit verhält sich das auch mit der Recherche. Ich berühre so viele Themen, dass ich (abgesehen von generellen Recherchen zur Zeit) das zumeist dann angehe, wenn ich bereits am Schreiben bin. Ich gehe also eher parallel vor. Generell benutze ich gerne Quellen der Zeit (wie z.B. Pamphlete, Briefe, Bücher, Polizeiordnungen, Liebesratgeber, Gesetzestexte, Militärisches, Kochbücher Haushaltsratgeber, Heilkunde, Aderlass usw.). Es finden sich eine faszinierende Menge an Informationen, teils zu sehr speziellen Themen, da komme ich schnell ins Schwärmen. Aber es gibt auch tolle Sekundärliteratur, was gerade bei komplexeren Themen sehr hilfreich ist (z.B. die von dir angesprochene Rechtssprechung). Ein Problem bei der Recherche ist, dass man interessante Sachen findet, welche gerade nicht relevant, aber sehr spannend sind, und dann dazu neigt, den Fokus zu verlieren. Außerdem findet man immer wieder sich widersprechende Quellen (was primäre Quellen der Zeit und auch sekundärquellen einschließt).

Sophia Brandus: My writing doesn't follow the traditional route (idea for a story, plotting, research and then writing) and so the same goes for research. I touch on so many topics that (apart from general research at the moment) I usually tackle them when I'm already writing. So I tend to proceed in parallel. In general, I like to use contemporary sources (such as pamphlets, letters, books, police regulations, love guides, legal texts, military information, cookbooks, household guides, medicine, bloodletting, etc.). There is a fascinating amount of information, some of it on very specific topics, which quickly makes me rave. But there is also great secondary literature, which is particularly helpful for more complex topics (e.g. the case law you mentioned). One problem with research is that you find interesting things that are not currently relevant but are very exciting, and then you tend to lose focus. In addition, one often finds contradicting sources (which includes primary sources of the time and also secondary sources).

 

Montag, 16. Oktober 2023

"Der Schatten von Caravaggio" - "Caravaggio's shadow" (2023)

Eben bin ich aus dem 2. Spielfilm, der im 17. Jahrhundert spielt und dieses Jahr hier ins Kino kam raus gekommen. Mit dem eigenwilligen Musketierfilm [1] hat dieser Streifen gemein, dass ein Darsteller erneut eine wichtige Rolle spielt [2].

I have just come out of the second feature film, which is set in the 17th century and was released here this year. What this film has in common with the idiosyncratic Musketeer film [1] is that an actor once again plays an important role [2].

 

 

Filmplakat. Es fässt recht gut den Stil und die Farben des Films zusammen. - Poster of the movie. It shows perfectly the colours and style of the movie. (photo: André Hanselmann, 2023)

Ebenso wie der Musketierstreifen ist auch dieser Film beinahe immer in der Dunkelheit gedreht. In Rom und den anderen Handlungsorten herrscht entweder Nacht oder ein bedeckter Himmel taucht die Szenerie in eine Farbpalette von Brauntönen, die hier und da die teils bunten Kostüme aufblitzen lassen. Spielt etwas in Rom in eher freiem Gelände so wurde in antiken Ruinen gedreht, wo Caravaggio gerne Federball spielt [3]. Das Leben Caravaggios wird ab den frühen 1590ern aus der Retrospektive geschildert. Denn der vom Papst beauftragte Inquisitor befragt Lebensgefährten des Malergenies: die reiche Constanza Sforza Colonna über Prostituierte bis hin zu einem Trinker, der Caravaggio wie soviele als Modell diente. Das Drehbuch versucht akribisch all die Orte und Mäzene aufzuzählen an denen Caravaggio und für die er arbeitete. Dies erlaubt keine Überraschungen, denn der Film mutet vielmehr als eine Rechtfertigung der Verbrechen des Malers an. So wird geschildert wie er 1605 den Gemahl einer Geliebten zusammen schlug und daher nach Genua fliehen musste und wie sich die Feindschaft mit den ausgezeichneten etablierten Malern entwickelte, die ihn scheinbar beneideten wegen seinem Talent bis hin zur fatalen Beziehung zu einem Tomassoni. Zu meinem Erstaunen wurde Caravaggios Ende 1610 recht deutlich gezeigt ohne Fragen über Verantwortung und Täter offen zu lassen.

Like the Musketeer flick, this film is almost always shot in the dark. In Rome and the other locations it is either night or an overcast sky bathes the scenery in a colour palette of brown tones, which allows the sometimes colourful costumes to flash here and there. If something takes place in Rome in a rather open area, it was filmed in ancient ruins, where Caravaggio likes to play badminton [3]. Caravaggio's life is described retrospectively from the early 1590s. The inquisitor commissioned by the Pope questions the painter's genius' companions: the rich Constanza Sforza Colonna, prostitutes and a drunk who, like so many others, served as a model for Caravaggio. The script tries to meticulously list all the places and patrons where Caravaggio worked and for whom he worked. This leaves no surprises, as the film seems more like a justification of the painter's crimes. It describes how he beat up the husband of a lover in 1605 and therefore had to flee to Genoa and how the enmity developed with the excellent, established painters, who apparently envied him because of his talent and even had a fatal relationship with a Tomassoni. To my surprise, Caravaggio end was shown quite clearly in 1610 without leaving any questions about responsibility and perpetrators unanswered.

Sonntag, 8. Oktober 2023

Ausblick auf das nächste Jahr - A view into the next year

Wie sich das einige Blogleser gewünscht haben, wird sich der Blog nächstes Jahr mit dem Polnischen Thronfolgekrieg beschäftigen. Obwohl mich die Geschichte des Hauses Wettin immer sehr beschäftigt hat, will ich da aber nicht allzu tief ins Detail gehen um nicht allzusehr vom Sinn unseres Blogs abzuweichen. Mit dem frühen Tod König August II. von Polen am 1. Februar 1733 in Warschau bahnt sich rasch ein großer Konflikt an. Anders als bei seinem Vater musste sich Kurfürst Friedrich August II. (1696-1763) nicht sosehr mit einem Widerstand in Kursachsen gegen seinen Versuch die polnische Krone zu erwerben durchsetzen [1]. Anfänglich schien aber ein Sieg des Schwiegervaters von König Louis XV im Kampf um die Krone, der natürlich von Frankreich unterstützt wurde, durchaus in greifbare Nähe zu rücken. Stanisław Leszczyński (1677-1766) war kurz vor dem sächsischen Bewerber bereits am 11. September 1733 zum König gewählt worden. Vor allem Russland, welches bereits im Großen Nordischen Krieg auf der Seite Sachsens gekämpft hatte, gelang es maßgeblich an der Vertreibung von König Stanisław mitzuwirken und dadurch den ohnehin schon enormen Einfluss in Polen auszuweiten. 

As some blog readers have requested, next year's blog will deal with the War of the Polish Succession. Although the history of the House of Wettin has always occupied me very much, I don't want to go into too much detail so as not to deviate too much from the spirit of our blog. With the early death of King August II of Poland on February 1, 1733 in Warsaw, a major conflict quickly developed. In contrast to his father, Elector Friedrich August II (1696-1763) did not have to resist his attempt to acquire the Polish crown so much in Electoral Saxony [1]. Initially, however, a victory for King Louis XV's father-in-law in the battle for the crown, which was of course supported by France, seemed within reach. Stanisław Leszczyński (1677-1766) had been elected king on September 11, 1733, shortly before the Saxon candidate. Above all, Russia, which had already fought on the side of Saxony in the Great Northern War, was able to play a key role in the expulsion of King Stanisław and thereby expand the already enormous influence in Poland.

Die Festung Kehl am Rhein mit der Stadt Straßburg im Hintergrund auf dem großen plan relief. - The fortress of Kehl and the city of Strasbourg in the background on the great plan relief. (Musée d'Histoire, Strasbourg, photo: Cecilia Hanselmann, 2023)

 

Schon kurz nach Stanisławs Wahl kam es in Deutschland zu ersten Kriegshandlungen indem die schwäbische Kreisfestung Kehl von den Franzosen belagert wurde. Über 30.000 Mann unter dem kampferfahrenen Maréchal duc de Berwick (1670-1734) schlossen die kleine von Kreistruppen schwach besetzte Festung ein und erreichten nach etwa 2 Wochen Belagerung die Einnahme derselben. Da ich kein Experte für Festungsbelagerungen bin, werde ich auf diese wie auch auf die folgenden von Pizzighettone, Danzig, Trarbach und Gaeta nicht näher eingehen. 

Links eine Fahnenspitze des Schwäbischen Kreises von 1716. Wehrgeschichtliches Museum Rastatt. - At the left a flag tip of the Swabian circle from 1716. WGM Rastatt. (photo: Cecilia Hanselmann 2023)


Shortly after Stanisław's election, the first acts of war broke out in Germany, with the Swabian district fortress of Kehl being besieged by the French. More than 30,000 men under the battle-experienced Maréchal duc de Berwick (1670-1734) surrounded the small, weakly by troops of the circle occupied fortress and managed to capture it after a siege of about 2 weeks. Not being an expert on fortress sieges, I won't go into detail about this one, nor the ones that followed from Pizzighettone, Danzig, Trarbach and Gaeta.

Ein näherer Blick auf die Festung Kehl im Zustand vor 1734 auf dem zeitgenössischen Modell. - A closer look on the fortress of Kehl in the situation around 1734 on the contemporary model. (Musée d'histoire, Strasbourg, photo: Cecilia Hanselmann)

 

Sehr bedeutend nicht zuletzt für den Schwäbischen Kreis der direkt durch das französische Heer bedroht wurde, sollte die Reaktion des Kaisers auf den Konflikt werden. Karl VI. (1685-1740) hatte bereits für einen künftigen Krieg mit Frankreich vorgesorgt indem er mit dem militärisch erstarkten Preußen einen Vertrag über die Stellung eines Heeres von 30.000 Mann im Kriegsfall abschloss. Dieser Vertrag verdeutlicht aber auch die Ohnmacht des Reiches, die nicht zuletzt daher rührte, dass die kurbrandenburgischen Herrscher seit dem Großen Kurfürst jegliche Stellung von Truppen für die Reichsarmee abgelehnt hatten. Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth berichtete in ihren Memoiren recht eindrücklich von den Verhandlungen ihres Vaters Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) mit dem Kaiser [2]. 

The reaction of the emperor to the conflict was to be very important, not least for the Swabian district, which was directly threatened by the French army. Charles VI (1685-1740) had already prepared for a future war with France by concluding a contract with the militarily strengthened Prussia on the deployment of an army of 30,000 men in the event of war. However, this contract also illustrates the impotence of the empire, which was not least due to the fact that the Electoral Brandenburg rulers had rejected any deployment of troops for the imperial army since the Great Elector. In her memoirs, Margravine Wilhelmine von Bayreuth gave an impressive account of the agreements between her father Friedrich Wilhelm I (1688-1740) and the Emperor [2].

Im Jahr 1734 versammelte dann Prinz Eugen sein Heer aus Reichstruppen und Verbündeten bei Heilbronn. Doch dazu mehr im nächsten Jahr!

In 1734, Prince Eugene assembled his army of imperial troops and allies near Heilbronn. But more on that next year!

Text: André Hanselmann

Fotos: André Hanselmann, Cecilia Hanselmann


Notizen / Notes:

1)  Karl Czok: "August der Starke und seine Zeit" Piper, München, 2006, S. 72-74

2) Wilhelmine von Bayreuth: Memoiren, insel, Frankfurt, 1990, S.113