Donnerstag, 21. Mai 2026

"Vivaldi und ich" (Primavera)(2026)

Das Filmplakat zeigt im Hintergrund Anachronismen, im Vordergrund die beiden absoluten Hauptfiguren. - The poster of the movie let you see some anachronisms in the background and the main characters in the foreground. (photo: A. Hanselmann)

 

Es ist faszinierend, dass just in dem Jahr nachdem wir selbst in Venedig waren [1] ein großer Film, der in der Lagunenstadt spielt, in die Kinos kommt. Obendrein ist es auch von daher reizvoll, da unsere diesjährige Veranstaltung in Wackershofen in den 1740ern angesiedelt ist - der Zeit also, als Vivaldi gerade erst verstorben war. In Venedig begegnet man Vivaldi auf Schritt und Tritt, überall hört man jemanden aus den "Vier Jahreszeiten" eine Passage spielen, es gibt Gebäude, die Plaketten haben, die auf seine Lebensphasen hinweisen. Venedig ist natürlich ebenso die Stadt Casanovas über dessen Leben ich momentan lese [2], über den es in letzter Zeit aber keine gelungenen Filme gab [3]. 

It is fascinating that, in the very year following our own visit to Venice [1], a major film set in the Lagoon City is hitting theaters. Moreover, this is particularly intriguing given that our event in Wackershofen this year is set in the 1740s—precisely the era when Vivaldi had just passed away. In Venice, one encounters Vivaldi at every turn; everywhere you go, you can hear someone playing a passage from "The Four Seasons", and buildings bear plaques marking the various stages of his life. Venice is, of course, also the city of Casanova—whose life I am currently reading about [2], though there have been no successful films about him in recent times [3].

Venedig am Abend. Ein Blick auf San Giorgio Maggiore von San Zaccharia aus gesehen. - Venice in the evening. A view from San Zaccharia at San Giorgio Maggiore. (photo: C. Hanselmann)


Leider haben wir bei unserem Aufenthalt in Venedig versäumt das Palazzo aufzusuchen, wo das Gemälde von Gabriele Bella [4] hängt, welches die Musikerinnen, die hier im Film vorkommen, abbildet [5]. Wir haben also eine recht gute Vorstellung davon wie das damals aussah, wenn sie musizierten. Freilich muss man hinzu setzen, dass Venedig in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Stadt oder ein Staat war, der stark unter den Niederlagen gegen die Türken litt und zahlreiche Besitzungen verloren hatte, obendrein nicht von den Siegen der Allianz wie Prinz Eugens bei Belgrad profitierte. Während der Staat also gemeinhin als im Abstieg begriffen gilt, war die Kunst, egal ob Malerei [6], Musik (7) oder Theater (8) weithin berühmt. Von daher ging ich, bevor ich in den Film ging, davon aus, dass sich dieser auf diese Aspekte - kulturelle Blüte - und vermeintlicher Abstieg mit der repressiven Politik gegen Abweichler konzentrieren würde.

Unfortunately, during our stay in Venice, we failed to visit the palazzo where the painting by Gabriele Bella [4] hangs—the very work that depicts the female musicians featured in this film [5]. We therefore have a rather clear idea of ​​what the scene looked like back then when they performed. Admittedly, one must add that in the first half of the 18th century, Venice—whether viewed as a city or a state—was suffering heavily from defeats at the hands of the Turks and had lost numerous territories; moreover, it did not benefit from the victories achieved by the Alliance, such as Prince Eugene’s triumph at Belgrade. Thus, while the state was generally considered to be in decline, its arts—be it painting [6], music [7], or theater [8]—enjoyed widespread renown. Consequently, before seeing the film, I assumed it would focus on precisely these aspects: the cultural flourishing on the one hand, and the perceived decline—accompanied by repressive policies against dissenters—on the other.

Ein Blick zum Campanile. - A view to the Campanile. (photo: C. Hanselmann)


Der italienisch-französische Film von Damiano Michieletto von 2025 hat schon international einige Beachtung gefunden und soll sich nicht vollkommen auf den Komponisten konzentrieren. Erst heute, am 21.05.2026, ist der Film bei uns ins Kino gekommen. Die Hauptdarsteller Tecla Insolia als das Findelkind und Michele Riondino als Antonio Vivaldi waren mir bis dahin vollkommen unbekannt, was aber auch nicht verkehrt sein muss.

Damiano Michieletto’s 2025 Italian-French film has already garnered considerable international attention and reportedly does not focus exclusively on the composer. The film opened in theaters here only today—May 21, 2026. The lead actors—Tecla Insolia as the foundling and Michele Riondino as Antonio Vivaldi—were completely unknown to me prior to this, though that is not necessarily a bad thing.


Ein Rock und eine Weste für einen Mann und ein Rock für ein Kind aus der ersten Hälfte des 18. Jh. im Palazzo Mocenigo. Diese Kleidung würde man in der Handlungszeit des Films erwarten. - Coat and waistcoat of a gentleman and a coat of a boy from the first half of the 18th century in the Palazzo Mocenigo. These garments we would suppose to see in the period of the movie. (photo: C. Hanselmann)

Der Film handelt von dem Findelkind Cecilia, welche unter den Mädchen lebt, welche an der Chiesa della Pietà für ihre Musik berühmt sind. Doch die reichen Familien und Gönner des Waisenhauses sind mit der Musik des gegenwärtigen Komponisten 1716 unzufrieden und daher drohen hohe Einbußen, weshalb der Governatore (Andrea Pennacchi) froh ist zu erfahren, dass Vivaldi wegen Misserfolgen nach Venedig zurückkehrt, der sich mit dem halben Salär seines Vorgängers zufrieden geben muss. Der Komponist schafft es nach anfänglichen Schwierigkeiten die Musikerinnen von seiner anspruchsvollen Arbeit zu begeistern. Das führt aber auch dazu, dass Cecilia zusehends voller Bangen erwartet mit dem venezianischen Offizier Sanferno (Stefano Accorsi) vermählt zu werden, was das Ende ihrer Laufbahn als Musikerin bedeuten würde. Auch die Gunst des Königs von Dänemark Frederik IV. [9] nutzt nichts, als Cecilia den Governatore davon überzeugen will, dass sie als Erste Geigerin nützlicher der Institution wäre, als wenn sie Sanferno heiratet. Doch der Governatore bleibt hart, da Sanferno großzügig bereits 300 Dukaten gezahlt hat und beleidigt wäre, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Vivaldi kann gleichfalls nicht helfen und so nimmt Cecilia zu einem anderen Mittel Zuflucht, damit Sanferno sie nicht mehr nimmt...

The film tells the story of Cecilia, a foundling who lives among the girls at the Chiesa della Pietà—an institution renowned for its music. However, the wealthy families and patrons of the orphanage are dissatisfied with the music of the resident composer in 1716; consequently, the institution faces the threat of severe financial losses. The Governatore (Andrea Pennacchi) is therefore delighted to learn that Vivaldi is returning to Venice following a series of professional setbacks—though the composer is forced to accept a salary amounting to only half of his predecessor's pay. After overcoming initial difficulties, the composer succeeds in inspiring the female musicians with his challenging new works. Yet this success also heightens Cecilia’s growing dread as she awaits her impending marriage to the Venetian officer Sanferno (Stefano Accorsi)—a union that would spell the end of her career as a musician. Even the favor of King Frederick IV of Denmark [9] proves of no avail when Cecilia attempts to convince the Governatore that she would be of far greater value to the institution as its First Violinist than she would be as Sanferno’s wife. The Governatore, however, remains unyielding; Sanferno has already made a generous payment of 300 ducats, and he would be deeply offended were he to be denied his wish. Vivaldi, too, is powerless to help; thus, Cecilia is compelled to resort to a desperate measure to ensure that Sanferno will no longer claim her as his bride...



Die Rückseite einer Häuserzeile an einem Platz in dem Stadtviertel [10], wo Vivaldi aufwuchs [11]. - The backside of a line of houses at a place in the district of Venice [10], where Vivaldi grow up [11]. (photo: C. Hanselmann)

Der Film konzentriert sich vollkommen auf das Leben in dem Ospedale della Pietà und wie Kinder dorthin kamen, sie aufgezogen wurden zu Musikerinnen und idealerweise dazu bestimmt waren, eine gute Partie zu ehelichen, einem Mann der Oberschicht, der darüber hinwegsah, dass die künftige Gattin den Makel besaß mittellos und ohne Familie zu sein. Cecilia wird von der Sehnsucht heimgesucht zu erfahren, warum sie von ihrer Mutter ausgesetzt wurde - ein nachvollziehbarer Wunsch. Dies gelingt dem Film auch sehr einfühlsam und auch die große Bandbreite von Vivaldis kompositorischem Schaffen bis hin zum Oratorium "Juditha Triumphans" als Höhepunkt und Finale wird vorgestellt. Berückend wird die Lagunenstadt gezeigt mit all ihren Kanälen, Kirchen und Palazzi. Die Schauspieler waren durchweg gut und schienen mit der Anforderung der großen Gefühle keineswegs überfordert, denn Neid, Missgunst und Hass spielen durchaus auch eine Rolle. Die Ausstattung ist teilweise recht anachronistisch wie ein einfacher Mann mit einem Wams aus dem 17. Jahrhundert oder auch viele Damenkleider, die garnicht in die 1710er Jahre passen wollten. Frederik IV. wird gepudert und geschminkt wie gewohnt bei Monarchen im Kino als eine Karikatur und alten Lüsterling porträtiert. Insgesamt war das aber ein wohltuend unaufgeregter Film, der es anders als zahlreiche moderne Filme darauf absah völlig die Geschichte zu verdrehen [12]. In Details wie die fehlende Ehrfurcht Vivaldi vor dem Dogen oder zahlreichen Aspekten der Kostümierung mögen Fehler liegen, aber diese haben mich nicht sosehr aufgeregt wie sie es in anderen Filmen taten, da man auf der anderen Seite durch schöne Musikdarbietungen, Architektur und eine nicht allzu abwegige Handlung entschädigt wurde. Ein passabler Film, der im Kino durchaus überzeugen kann [13].

The film focuses entirely on life within the Ospedale della Pietà—specifically how children arrived there, were raised to become musicians, and were ideally destined to make a good match: marrying a man of the upper class who was willing to overlook the fact that his future wife bore the stigma of being penniless and without family. Cecilia is haunted by a longing to discover why she was abandoned by her mother—a thoroughly understandable desire. The film handles this theme with great sensitivity; it also showcases the vast scope of Vivaldi’s compositional output, culminating in the oratorio "Juditha Triumphans" as its dramatic climax and finale. The Lagoon City is depicted in a captivating manner, with all its canals, churches, and palazzi. The acting is consistently strong; the cast never appears overwhelmed by the demands for intense emotion—a necessity, given that envy, malice, and hatred play a significant role in the narrative. The production design is, in places, rather anachronistic—such as a common man wearing a 17th-century doublet, or numerous ladies' gowns that simply do not fit the fashion of the 1710s. King Frederick IV is portrayed as a caricature—powdered and made up in the manner typical of cinematic monarchs—and depicted as a lecherous old man. Overall, however, this is a refreshingly understated film—one that, unlike so many modern movies, does not set out to completely distort the historical record [12]. While there may be errors in minor details—such as Vivaldi’s lack of deference toward the Doge, or various aspects of the costuming—these did not bother me as much as similar flaws have in other films; on the other hand, the viewer is amply compensated by beautiful musical performances, stunning architecture, and a storyline that is not entirely implausible. A passable film that proves quite engaging on the big screen [13].

 

Text: André Hanselmann

Fotos: Cecilia & André Hanselmann 


Notizen / Notes:

1) Siehe auch Bilder hier: 

https://wackershofenannodomini.blogspot.com/2025/12/was-noch-geschah-2025-what-happened.html

2) Casanova: "Mein Leben" Ullstein, Berlin, 1998

3) Eine Serie hat zwar BAFTAs einkassiert, aber wenig mit seinem Leben zu tun gehabt ("Casanova" UK, 2005, Regie: Sheree Folkson), die andere kam über eine Episode nicht hinaus ("Casanova" USA, 2015 Regie: Jean-Pierre Jeunet).

4) Gabriele Bella: Concert given by the girls of the hospital music societies in the Procuratie, Venice, ca. 1770

5) Im Palazzo Querini Stampalia.

6) Pietro Longhi, Antonio Canal

7) Vivaldi, Josef Mysliveček und andere: ein lebhaftes Opernwesen.

8) Wie Carlo Goldoni. Wir haben schonmal auf das Museum zu ihm hingewiesen, glaube ich.

9) Hier in dem Film ein alter Mann, auch wenn er nur ein paar Jahre älter (geboren 1671) als Vivaldi (geboren 1678) sein müsste. 

10) In der Gegend der Chiesa della Pietà und San Giovanni in Brogora, das Stadtviertel Castello. 

11) An dem Platz steht San Giovanni in Brogora, wo Vivaldi 1678 getauft wurde. 

12) Wie es etwa "Bastarden" getan hat. Dazu:  https://wackershofenannodomini.blogspot.com/2024/06/bastarden-2024.html

13) Selbst der Sechste Österreichische Türkenkrieg / Achte Venezianische Türkenkrieg 1714-18 wird thematisiert. Der Ausgang ist 1716 noch ungewiss und der Offizier in dem Film hat auf Korfu gekämpft. Bei einem Feuerwerk scheint man einen osmanischen Angriff zu fürchten. 

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