Montag, 30. Dezember 2019

Wie wichtig ist das Tanzen? – How important is dancing? 2


Wie wichtig ist das Tanzen? – How important is dancing? 2

Tanzverbote – dancing prohibitions. (1)



Was kann man nun an Hinweisen anführen, dass der Tanz für die Menschen im 18. Jahrhundert und insbesondere in Deutschland oder gar im Schwäbischen Kreis von einer hohen Bedeutung war? Noch bevor die pietistische Bewegung in Schwäbisch Hall und anderen lutheranischen Reichsständen an Einfluss gewann, gab es in der Führungsschicht die Frage ob Tänze nicht etwa den religiösen Ansichten widersprachen. Auf bestimmte Tage etwa beschränkt wurden Tanzverbote ausgesprochen und wiederholt erneuert. In Schwäbisch Hall 1665 ein Tanzverbot[1] und ein Jahr später eine Regelung der Tänze auf dem Land[2]. Wobei diese Tänze auf dem Land schon sehr lange als Problem wahrgenommen wurden, vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Regulierungsmaßnahmen durch den Magistrat letztlich einfach keinerlei Wirkung zeigten[3][4]. Immer wieder wurde insbesondere das Hausgesinde ins Visier genommen und wie sich dieses verhielt[5]. Hochzeiten waren ein besonders wesentlicher Punkt des Anstoßes, vielleicht gerade weil eine Hochzeit ohne Tanz niemals denkbar war[6]. Typisch für eigentlich alle Reichsstände, holte man sich auf in Schwäbisch Hall Informationen ein wie es anders ablief, etwa in Hohenlohe-Langenburg[7].
Die Polizeiordnung von 1703 verbot generell das Tanzen in „Privat- oder andern Häusern“ nach 10 Uhr[8]. Zahlreiche Erwähnungen von Übertretungen solcher Sperrstunden in den Amtsrechnungen belegen, dass diese Vorschrift noch durchs ganze 18. Jahrhundert gültig blieb und weiterhin missachtet wurde.
Which hints we can list, underlining that dancing was of a high importance during the 18th century in Germany and especially in the Swabian circle? Even before the pietism movement in Schwäbisch Hall and other Lutheran Imperial Estates won the influence, there was the question if dancing contradicted religious views. Some bans were declared against dancing, but these were reduced to some days only and repeated fore several times. In Schwäbisch Hall for example was a dancing prohibition introduced in 1665 and a rule was released for the subjects in the countryside one year later. However the dancing in the countryside was noticed as a problem long before, which maybe is one of those many hints, that the regulations by the magistrate had little impact on the situation. The rulers especially observed the servants and how they behaved. Weddings were a crucial event, perhaps especially because they were unthinkable without dancing. It’s typical for Imperial estates to obtain information from other estates, as Schwäbisch Hall got it from Hohenlohe-Langenburg.  
The police-regulation in 1703 prohibited dancing in general “in private and other houses” after 10 pm. Many references of violations of these closing times in the administrative accounts verify that this regulation was valid through the whole 18th century.
Schließlich drangen in Schwäbisch Hall nach dem Großen Stadtbrand von 1728 die Pietisten mit ihrer Forderung im Rat durch das Tanzen an Werk- und Sonntagen zu verbieten[9]. Hintergrund war, dass sich offensichtlich der Pietist Nikolaus David Müller im Rat durchsetzen konnte, der sich seinerseits etwa auf Franckes „Schriftmäßige Lebensregeln“ stützte, die beschrieben, dass auf „kurtzweilige Actiones“ wie u.a. das Tanzen größere Sünden folgen würden[10]. Der Rat versuchte zwar die sicherlich berechtigten Forderungen nach einem finanziellen Ausgleich der durch dieses Verbot betroffenen Stadtmusikanten durch eine Zulage zu berücksichtigen, doch dennoch baten die Musikanten 1730, „daß man Ihnen wieder gnädig erlauben [wolle] … zum Tanz geigen zu dörfen, in deme ihre Nahrung anderergestalten gar sehr nothleiden dörfte“. Die Bitte wurde zwar abschlägig beurteilt, aber auch nicht in der von Müller geforderten Härte gegen die Übertretung des Verbots vorgegangen. Müller dachte sogar über ein Verbot des Abendmahls für diejenigen, welche dennoch tanzten nach und befragte Zinzendorf zu seiner Meinung darüber[11].
Finally the Pietists were successful in the council in prohibiting dancing on working days and Sundays after the great fire in 1728. Reason was that Nikolaus David Müller managed to prevail, who could support himself on Francke’s written rules of life, which described that great sins would be the result of such diverting actions like dancing.
The council tried to satisfy the justified demands of the musicians in paying some compensation, however the local musicians requested in 1730: “would they be so merciful to allow them to play the violins again for dancing, as they fear to get not enough for their food”.
The magistrate refused the demand. But the council didn’t act with such hardness against the violation of the ban as Müller wished it. Müller even thought about to refuse the communion for those who danced nevertheless and asked Zinzendorf for his opinion. 
 
Tanz im Steigengasthaus, rechts die Musikantenempore - dancing in the tavern, the gallery for the musicians at the right (Foto: Stefan Winter)
Im Laufe des 18. Jahrhunderts nach dem Tod Müllers 1741 finden sich dann keine Hinweise auf das Verbot mehr, sondern wieder die üblichen Übertretungen der Vorgaben bezüglich der Beschränkung auf bestimmte Tage beziehungsweise das zu lange Tanzen und Feiern insbesondere an Hochzeiten. 1775 etwa wurde einer der Schultheißen von Bubenorbis dafür belangt, da er in seiner Anwesenheit die Hochzeitsgesellschaft hatte bis 2 Uhr in der Früh weitertanzen lassen. 10 Uhr Abends, als sein Amtskollege ging, wurde zu dem Zeitpunkt offenbar als angemessenes Ende eines Tanzes angesehen[12].
Dies ist von daher bemerkenswert, das die Vorschrift von 1703 das Tanzen ohnehin nur für die Zeit „gleich nach dem Kirchgang / ehe man zu Tisch sitzt / und nach dem ersten biß zum andern Gang erlaubt“[13].
During the oncoming 18th century after Müller’s death in 1741 I found no evidence of the ban again, but I found the typical violations of the regulations concerning the days or the length of dancing especially at weddings. In 1775 for example a Schultheiss of Bubenorbis was punished, because he allowed a wedding assembly to dance until 2 a.m.. 10 o’clock, wenn his colleague left the assembly was most probably viewed as the adequate time to finish the dancing.
This is remarkable as the regulation of 1703 the dancing “allowed immediately after the church before the assembly went to the table and after the first course and before the next”.

Text: André Hanselmann
Foto: Stefan Winter





[1] Sammlung von Statuten und Ratsdekreten (I), fol. 81, Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Sig. 4/0499


[2] Ebenda 1666, fol. 99


[3] Notizen des Pfarrers Häusser von Bibersfeld, 1525, Stadtarchiv Schwäbisch Hall Sig. S01/740


[4] Verbot von Tänzen auf dem Land 1634, in Sammlung von Statuten und Ratsdekreten (II), Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Sig. 4/0494


[5] 1670, fol. 132-133  Sammlung von Statuten und Ratsdekreten (I), fol. 81, Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Sig. 4/0499


[6] Ebenda 1674, fol. 193


[7] Kirchenzucht in Stadt und Amt Ingelfingen, hier Trinkgelage und Tanzen an Sonn- und Feiertagen, 1703, Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Sig. HV AS/188


[8] „Von Schwermereyen / mit Unfug auf den Gassen / und an anderen Orten“ in „Erneuerte Polizeyordnung … Schwäbisch Hall“ bei Georg Michael Meyer, Schwäbisch Hall, 1703, S. 59


[9] Heike Kraus-Schmidt: „Nikolaus David Müller – Vom Leben eines Pietisten in Schwäbisch Hall in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts“ Thorbecke, Schwäbisch Hall, 1997, S. 67


[10] Ebenda S. 66


[11] Ebenda S. 67


[12] Schlägereien und Unordnung zu Bubenorbis, 1761-1776, Stadtarchiv Schwäbisch Hall Sig. 5/0099


[13] Hochzeit-Ordnung in „Erneuerte Polizeyordnung … Schwäbisch Hall“ 1703, S. 32


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen